Dr. Susanne Asche   
Die Entwicklung des Grötzinger Schulwesens -
Festvortrag zur Eröffnung des Badischen Schulmuseums  am 8. November 2002
   

Dieser Vortrag war für mich Anlass, wieder in die Grötzinger Geschichte zu blicken. Und erneut konnte ich feststellen, dass die Geschichte dieses über 1000 Jahre alten Dorfes ein kleiner Spiegel der großen Geschichte ist. Auch die Entwicklung des Schulwesens in Grötzingen, die ich kurz vorstellen möchte, ist eine typische und in vielem verallgemeinerbare Historie.
Hinzu kommt, dass das Schulwesen die kulturellen und sozialen Verhältnisse eines Landes und auch eines Dorfes spiegelt. Alle Beteiligten Landesherr, Kirche, Gemeinderat, Eltern, Lehrer und Schüler - lassen die Schule zu einem Knotenpunkt der Geschichte werden. So auch in Grötzingen. Das möchte ich an einigen Epochen verdeutlichen.
Die Geschichte des Grötzinger Schulwesens beginnt eigentlich erst mit der Reformation. Seit dem Reformationsbefehl des Markgrafen Karl II vom 1. Juni 1556 mussten sich alle Untertanen der Markgrafschaft, so auch Grötzingens, gemäß der in Augsburg festgelegten Bestimmung cuius regio, eius religio dem protestantischen Glaubensbekenntnis anschließen.
Die Ausbildung eines allgemeinen Schulwesens hing unmittelbar mit der Reformation zusammen, denn es war das Ziel der protestantischen Landesherren, dass die Menschen die Bibel, die Luther zu diesem Zweck ins Deutsche übersetzt hatte, selber lesen und verstehen konnten. Bisher hatten sich hauptsächlich in Städten - so auch in Durlach - oder bei klösterlichen Niederlassungen Schulen befunden, die dörfliche Jugend war daher kaum in den Genuss einer Schulbildung gekommen. Doch jetzt hieß es in der baden-durlachischen Landesordnung von 1654. An Orten, da keine Schulmeister seynd und gehalten werden, daselbst sollen die Pfarrer und Kirchendiener desto mehr und fleißger Achtung auf die Jugend haben ... Junge Knaben sollen im Lesen, Schreiben und anderen dergleichen heilsamen Studien zur Beförderung der Seelen- und Leibeswohlfahrt unterwiesen werden. Also noch keine Mädchen ...
Im Auftrag von Markgraf Karl II. reiste eine Kommission durchs Land, um die Durchführung dieser Ordnung zu gewährleisten. Der jeweilige Dekan sollte die Schulen zweimal jährlich visitieren und darüber dem Kirchenrat berichten. Es ist davon auszugehen, dass seit dieser Zeit in Grötzingen ein Lehrer für die männliche Jugend angestellt war. Den Bau des ersten Schulhauses entstand vermutlich um 1600. Da der Schuldienst, wie in der Landesordnung festgehalten, eng mit der Kirche zusammenhing, befand sich das Schulhaus damals vermutlich wie auch in späteren Jahrhunderten in der Nähe der Dorfkirche.
Auch über die damaligen Schullehrer wissen wir nur wenig. In dem Bericht des Hofpredigers Joh. Fecht über das Schulwesen in den Jahre 1648 bis 1688, also in den Jahrzehnte nach dem Dreißigjährigen Krieg, heißt es, Durlach, Grötzingen und Söllingen seien die am besten besoldeten Stellen des Durlacher Amtsbezirks. Der Grötzinger Schulmeister, dessen Besoldung die beste des Unterlandes sei, ziehe aber dennoch auf Jahrmärkten umher, um seine Säcklerwaren zu verkaufen, und versäume die Schule. In den umliegenden Dörfern sah es auch nicht besser aus, in manchen war die Schulmeisters-Besoldung so schlecht, dass der Pfarrer die Unterrichtung der Jungen unternahm.
Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird sich das Schulwesen verbessern und endgültig von den Kriegsfolgen des 17. Jahrhunderts und des beginnenden 18. Jahrhunderts erholen.
Das 18. Jahrhundert aber sah die Grötzinger verarmt und kulturell verroht. So erreichte im Oktober 1764 den Landesherrn ein alarmierender Bericht des Durlacher Oberamtes : Durch eine Reihe von Missernten seien die Dorfbewohner sehr zurückgeworfen und hätten viele Schulden machen müssen. Eine der Hauptursachen für den allgemeinen Verfall allerdings sei das Saufen. Sie begnügen sich nicht zu Grötzingen oder hier [= Durlach] zu trinken, sondern sie laufen deswegen bis nach Carlsruhe, wo manch einer Fron- oder Fuhrdienste übernehme. Dann verbrächten sie ein oder mehrere Stunden im Löwen oder einer anderen Wirtschaft in Karlsruhe. Ein Jahr später beratschlagte der Hofrat nochmals das Verhalten der Dorfbewohner. Der Schultheiß Fribolin und der Anwalt Heid berichteten eindringlich über die wirtschaftliche Not des Dorfes, die auch weiterhin das Leben der Bewohner prägte. Diese führten auch in den folgenden Jahren einen liederlichen Lebenswandel, es gab viele Trunkenbolde und Nachtschwärmer, und die Eltern schickten ihre Kinder nicht regelmäßig in die Schule. Oberamt und Landesherr suchten nach Möglichkeiten, dem entgegenzusteuern.
Doch lag es nicht allein am Lebenswandel der Grötzinger, dass sie in Not und Schulden gerieten. Das Oberamt stellte auch andere Ursachen fest. So wies es im Jahr 1769 darauf hin, dass das Hauptgebrechen in der Ökonomie liege. In dem Dorf herrschte Holzmangel, man war zu sorglos mit dem Holzbestand umgegangen, und es gab zu wenig fruchtbare Felder. Vor allem aber hatten die Grötzinger viel zu viel Vieh, was immer zu Futtermangel führte, da es zu wenig Wiesen gab.
Zu dieser Zeit lebte in dem Dorf Johann Gottfried Tulla, der hier von 1776 bis 1786 das Pfarramt innehatte. Nachdem er zwei Jahre lang das dörfliche Leben und Elend beobachtet hatte, verfasste er einen Bericht über das, was ihm die pflichtmäßige Liebe zu der Gemeind, in der er lebte, in Unterthanigkeit vorstellen auferlegt hatte. Er gab eine genaue Beschreibung der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Dorfbewohner und versah diese mit Vorschlägen für mögliche Verbesserungen. Eindringlich heißt es hier: Die Armuth in Grötzingen ist unglaublich gros. Unter 200 Bürgern sollen sehr wenige an Schulden frey seyen, und von den übrigen die meisten Haab und Guth verpfändet haben. Eine Menge Häuser seien baufällig, da den Bewohnern die Mittel zur Ausbesserung fehlten.
Leider ließen es die Grötzinger auch an guter Kinderzucht fehlen, indem sie sie nicht so viel als möglich mit Arbeiten beschäftigten. Sie lassen sie nicht dienen, sondern behalten sie bey sich und schicken solche im Sommer in den Taglohn. Diesen verzehren sie im Sommer, im Winter haben sie die Kinder über dem Brod und setzen nothwendiger Weise wieder zu. In des Pfarrers Augen war auch der Aufwand, den die Grötzinger für Kleidung und Ergötzlichkeiten an den Markttagen und u.a. trieben, zu hoch, er beklagte ihr Zechen und Spielen.
Tulla machte nun einige Verbesserungsvorschläge für die landwirtschaftliche Nutzungen von Wald, Wiesen und Feldern. Und meinte weiter: Wenn dann noch dem unmäßigen Zechen und Spielen ein Einhalt gethan und wenn die Denkungsart besser moralisiert werde, indem man den Grötzinger erklärte, was ihre Fehler im Wirtschaften sind, dann könne dem Ort geholfen werden.
Der Grötzinger Pfarrer, dessen Sohn später die Rheinkorrektion planen wird, war ein aufgeklärter Bürger, der ganz im Geiste seiner Zeit meinte, eine bessere Erziehung und Aufklärung der Untertanen einerseits, aber auch ein Verzicht auf Privilegien und Einkünfte der Landesherrschaft andererseits könnten eine allgemeine Verbesserung der Lebensumstände bewirken.
Grötzingen war nur ein Beispiel für die allgemeine Armut des 18. Jahrhunderts. Die vielen Kriege und die dadurch bedingte krisenhafte Wirtschaftsentwicklung hatten die europäischen Staaten und seine Einwohner vollkommen verarmen lassen. Die Staatsoberhäupter waren gezwungen, umfassende Reformen in Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung durchführen zu lassen. Durch gezielte staatliche Maßnahmen wie die Förderung oder Errichtung von Manufakturen versuchte man, die Staatseinnahmen zu verbessern. Im Ausbau des Schulwesens hoffte man, die Arbeitsfähigkeit der Untertanen zu steigern und durch drastische Eingriffe in die Produktions- und Arbeitsweise der Landwirtschaft meinte man, die wirtschaftliche Lage der Bauern erleichtern zu können.
In der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts erreichten die staatlichen Verwaltungs- und Wirtschaftsreformen auch das Dorf Grötzingen, das in dem für den Durlacher Amtsbereich zuständigen Hofrat und Oberamtmann Peter Posselt einen engagierten Vertreter der neuen Politik fand. Dieser bemühte sich nicht nur um eine Verbesserung des Unterrichtswesens durch Anstellung eines zweiten Lehrers, sondern setzte sich auch tatkräftig für eine Behebung des wirtschaftlichen und sozialen Notstands der Gemeinde ein.
Das 19. Jahrhundert wurde dann endgültig das Jahrhundert des Ausbaus des Schulwesens: Zunächst wurden auch die jüdischen Kinder in die Ortsschule aufgenommen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts erhielten christliche und jüdische Kinder zusammen in der Grötzinger Dorfschule Unterricht, nur der Religionsunterricht wurde getrennt erteilt. Ein Organisationsedikt führte diese Regelung dann 1809 in ganz Baden ein. Der jüdische Lehrer - in Grötzingen lag dieses Amt damals in den Händen von Maier Traub - wurde im übrigen genauso schlecht bezahlt wie seine christlichen Kollegen.
Die Lehrer hatten einen schweren Stand, und das Bild des armen Dorfschulmeisterleins war für die Grötzinger durchaus zutreffend. Neben dem Schulunterricht war er zuständig für die Messner-, Glöckner- und Organistendienste in der Kirche, was ihm allerdings auch zusätzlich Einkünfte brachte. So verdiente der Hauptlehrer 1836 für seine Einsätze bei Taufen, Beerdigungen und Hochzeiten jährlich 46 Gulden 30 Kreuzer. Auch die Besorgung der Rathausuhr wurde ihm entlohnt. Insgesamt hatte er ein jährliches Einkommen von insgesamt 530 Gulden 59 Kreuzer, rund 326 Gulden in Geld, der Rest wurde ihm in Naturalien ausgehändigt wie Korn, Salz, Gerste, Wein, Holz und Teilhabe an der Allmende. Die Geldeinnahmen wurden teilweise von den Eltern der Schulkinder aufgebracht, die in den 1840er Jahren z.B. zwölf Kreuzer im Vierteljahr zahlten.
Die bedrängte Lage der Lehrer führte zu manchem Missstand in der Schule. So findet sich 1839 im Protokoll des Ortsschulvorstandes der Eintrag: Dem Mädchenlehrer Himmelmann wurde strenge untersagt, in Zukunft Schülerinnen während der Lehrstunden zu seinen häuslichen Arbeiten zu benutzen; ferner wurde demselben verboten, sein zweijähriges Enkelchen, was oft geschehe, mit in die Lehrstunden zu bringen, indem dasselbe unruhig sei und dadurch die Aufmerksamkeit störe.
Erst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, mit steigender Schülerzahl und besonders mit wachsender Anerkennung der Notwendigkeit von Schulbildung wuchs das Ansehen der Lehrer.
Trotz der schlechten Bezahlung zählten die Lehrer des 19. Jahrhunderts zu den belesenen Kräften des Dorfes, häufig waren sie es, die den neuen Ideen aufgeschlossen gegenüberstanden. Das zeigte sich vor allem in den Zeiten des Vormärz und der Revolution von 1848/49. In Europa, in den deutschen Ländern und auch in Baden verbreiteten sich die Ideen der Demokratie, der nationalen Einheit und der Freiheit. Diese Vorstellungen kamen eher aus den Städten. Hier riefen Männer in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts u.a. Gesangs- und Turnvereine ins Leben, die demokratisch organisiert waren und in denen man durch Lieder und gemeinsames Turnen den neuen politischen Gedanken Ausdruck gab.
In Durlach gründeten im Jahr 1844 einige Männer den Singverein, später Liederkranz genannt, und 1846 - wie auch in Karlsruhe - einen Turnverein. Vielleicht war es die Nähe zur Stadt, die dazu führte, dass auch in dem Dorf Grötzingen die städtische Idee einer Vereinsgründung auf Anhänger stieß. Im Jahr 1847 fanden sich einige junge Männer zusammen, um einen Gesangsverein mit dem programmatischen Namen Eintracht und den Farben Jung-Deutschlands schwarz-rot-gold ins Leben zu rufen. Die Gründer repräsentierten durchaus die Söhne der Oberschicht des Dorfes, es waren der Kirchengemeinderat und Baufondrechner Philipp Jakob Jordan, der spätere Begründer des Eisenwerks Karl Friedrich Fießler, die beiden späteren Bürgermeister Christoph Wagner und Reichart Jordan, der Schneidermeister Johann Walter und Karl Ruf und Christian Kunzmann. Als Dirigent trat der Lehrer Heinrich Zimmermann auf. Da die Schulmeister meist Gesangslehrer sein mussten, eigneten sie sich bestens zur Leitung von Gesangsvereinen.
Nach Niederschlagung der Revolution durch die Preußen wurde der Verein verboten. Erst in den 1860er Jahren, als die auf die Revolution folgende restriktive Politik wieder etwas gelockert wurde, erwachte erneut in Grötzingen wie auch überall das Vereinsleben. Wieder übernahmen Lehrer, der Hauptlehrer Huber und der Unterlehrer Zwickel, die Gesangsleitung.
Doch zunächst zurück zur Revolution von 1848/49:
Auch außerhalb des ersten demokratischen Vereins fanden sich einige Vertreter der neuen Ideen im Dorf. Allen voran der schon erwähnte Lehrer Heinrich Zimmermann, über den es in dem im Dezember 1849 angelegten Verzeichnis der Revolutionsteilnehmer hieß, er habe aufreizende Reden gehalten und den Pfarrer bei der provisorischen Regierung denunziert. Nach Niederschlagung der Revolution wurde Heinrich Zimmermann vom Schuldienst suspendiert.
Als Anhänger der Revolution galten auch der Kannenwirt August Reichenbacher und der Ratsschreiber Gottlieb Deininger. Beide waren ehemalige Lehrer und abonnierten die später inkriminierte Zeitung Volksführer. Auch der jüdische Lehrer Mayer Traub interessierte sich für die revolutionären Ideen, er las den Verkündiger. Diese in Karlsruhe erscheinende demokratische Zeitung zeichnete sich durch bissig-ironische Artikel aus, die zum großen Teil der Durlacher Dr. Karl Steinmetz verfasste.
Dass Lehrer und Wirte sich an der Revolution beteiligten bzw. für die Verbreitung ihrer Ideen sorgten, war eine typische Erscheinung. Auch im benachbarten Durlach waren unter den engagiertesten Revolutionsteilnehmern Wirte, Lehrer und der Ratsschreiber. Es waren die gebildeten Männer, die den Vorstellungen von Demokratie und Freiheit anhingen, sie waren fähig, die aufklärerischen Schriften zu lesen und ihre eigenen Ideen zu artikulieren. Die Wirtshäuser wurden zum Treffpunkt für öffentliche Debatten und für den Gedankenaustausch.
Auf die Wirte wie auf die Lehrer fiel dann auch nach der Revolution lange Zeit der prüfende Blick der Obrigkeit. So blieb es den Lehrern noch bis 1861 verboten, einen Gesangsverein zu leiten oder auch nur Mitglied eines solchen Vereins zu werden. Doch was geschah in den Schulen, in denen diese den Ideen der Revolution nahestehenden Männer unterrichteten? Was waren das überhaupt für Gebäude?
Die Schulen in Grötzingen waren im 18., bis weit in das 19. Jahrhundert hinein jämmerliche Bauten. Die Schüler und Schülerinnen wurden bis 1764 in einem Raum unterrichtet. Erst in dem Neubau von 1764 in der Kirchstraße, der neben dem Hauptgebäude noch Stall, Scheuer und Schweinestallung für die Lehrer hatte, gab es zwei Unterrichtsgruppen. Denn jetzt wurde ein zweiter Lehrer eingestellt. Schon wenige Jahrzehnte später erwies sich die neue Schule als viel zu klein. Die Schülerzahl war von 120 Schüler im Jahr 1798 auf 300 Schüler im Jahr 1815 angewachsen. Und nun betrachten wir mal die Rolle des Gemeinderates etwas näher...
Die Gemeinde schob einen Neu- oder Umbau mehrere Jahre hinaus mit der Begründung, das alte Gebäude sei noch groß genug und erst müsse man einen Baufond von 500 bis 700 Gulden anlegen.
Im Jahr 1824 besichtigte Dekan Sachs von Durlach, der die Aufsicht über das Schulwesen im Amtsbezirk führte, das viel zu kleine Schulhaus. Nun musste die Dorfverwaltung reagieren. In den folgenden Jahren suchte man nach einem geeigneten Bauplatz, der möglichst nahe an der Kirche liegen sollte, damit der Lehrer seinem Amt als Messner gut nachgehen und umgekehrt der Pfarrer die Schule gut aufsuchen könnte. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge, das Oberamt schaltete sich ein und drohte schließlich sein Eingreifen an, falls nicht binnen vierzehn Tagen eine Entscheidung gefallen sei. Doch was halfst In der zu diesem Zwecke zusammengerufenen Gemeindeversammlung kam man vor lauter Geschrei zu keinem Entschluss.
Im Jahr 1826 endlich wurde ein Grundstück Ecke Kirchstraße und Pfarrgässchen erworben, worauf für 5.772 Gulden ein zweistöckiges Gebäude von den Steinhauermeistern Nikolaus Krieger und Johann Schöpfle und den Durlacher Zimmermeistern Christian Hengst und Semmler errichtet wurde. Die neue Schule .hatte im ersten Stock eine Lehrerwohnung und bot Platz für die Unterrichtung von 300 Kindern durch zwei Lehrer in je zwei Abteilungen. Für jede Abteilung waren 75 Kinder vorgesehen, der Raum aber fasste 110 Kinder, so dass man hoffte, ausreichend in die Zukunft geplant zu haben. Das alte Schulhaus wurde für 900 Gulden an Büttel Kurz verkauft.
Doch schon 1836 war die Schülerzahl auf 344 angestiegen, so dass aufgrund des neuen Schulgesetzes von 1835 eine neue Lehrerstelle und damit auch ein weiterer Schulraum notwendig wurde. Doch erneut blieben die Grötzinger zunächst stur. Auf die erste Behördenanfrage und auf die folgende Strafandrohung antwortete man nicht, und erst die Auferlegung einer Strafe von 1 Gulden 30 Kreuzer für das Bürgermeisteramt führte zu einer Reaktion aus dem Rathaus. Aber weiterhin versuchten die Grötzinger die von der Behörde gewünschte Verbesserung des Schulwesens für einige Jahre aufzuschieben. Sie wollten erst warten, bis sich die Gemeinde finanziell erholt hatte und konnten sogar die Einstellung des zweiten Unterlehrers bis 1841 verzögern. Für diesen wurde zwischen den beiden Schulräumen im 2. Stock ein Zimmer eingerichtet. Nun unterrichteten zwei Hauptlehrer und ein Unterlehrer die Dorfjugend.
Die Schülerzahl wuchs weiter. Als dann 1868 ein neues Schulgesetz regelte, dass nur noch 100 statt bisher 120 Schüler von einem Lehrer unterrichtet werden durften, musste ein weiterer Unterrichtsraum und eine neue Lehrerwohnung geschaffen werden. Die vierte Lehrerstelle wurde 1874 besetzt, bis zur Fertigstellung des zweiten und neuen Schulgebäudes, wurde der Rathaussaal als Schulraum genutzt. Nach längeren Verhandlungen über den Standort der zweiten Schule, wählte man einen Bauplatz Ecke Schustergasse/Niddastraße. In dem neuen Gebäude hatten im 1. Stock zwei Schulräume und im 2. Stock zwei Lehrerwohnungen Platz. Die neue Schule, die der Straße bis zur Eingemeindung den Namen Schulstraße gab, wurde 1875 eingeweiht. Bei dem Luftangriff am 24./25. April wurde sie zerstört.
Bis dahin hatte das Dorf zwei Schulen, die jedoch um die Jahrhundertwende schon wieder zu klein waren. Die Schülerzahl war nun auf 500 angewachsen.
Im März 1902 musste daher der Bürgerausschuss erneut darüber abstimmen, ob die Gemeinde für den Neubau des Schulhauses in der Kirchstraße 40.000 Mark bei der Rheinischen Hypothekenbank aufnehmen sollte. Das Geld wurde zu 6 % verzinst und sollte in 29 Jahresraten von 2.400 Mark zurückgezahlt werden. Der Antrag wurde einstimmig angenommen, so dass nun ein zweistöckiges Schulhaus errichtet wurde. Schon 1910 musste auch dieser Bau erweitert werden, indem man einen dritten Stock aufzog und dadurch weitere vier Unterrichtsräume gewann.
Ein weiterer Unterlehrer wurde 1903 eingestellt, am 1. Oktober 1912 kamen zwei weitere Hauptlehrerstellen hinzu.
Zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurden 800 Schüler in 19 Klassen unterrichtet. Der damit erreichte höchste Schülerstand wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeholt, so dass bis dahin keine weiteren Schulbauten notwendig wurden.
Auch der Schulunterricht ließ lange Zeit zu wünschen übrig. Es fehlte oft an Anschauungsmaterial und an Schulbüchern. Seit 1914 wurden dann jährlich 2.000 Mark von der Gemeinde für die Anschaffung von Lehr- und Lernbüchern bereitgestellt.
Auch mit den Eltern hatten die Lehrer viele Probleme, denn oft genug konnten diese nicht von der Notwendigkeit des Schulunterrichts überzeugt werden, zumal Schulgeld gezahlt werden musste. Große Erleichterung für die Eltern und für die Durchsetzung des allgemeinen Schulbesuchs brachte daher die Entscheidung des Bürgerausschusses vom 18. Dezember 1906, das Schulgeld auf die Gemeindekasse zu nehmen.
Auch der pünktliche Beginn des Unterrichts konnte nur schwer gewährleistet werden, da das bäuerliche Leben nicht nach der Gleichmäßigkeit eines Uhrwerkes verlief. So wurde zum 1. Februar 1840 das Schulläuten eingeführt, das eine Viertelstunde vor dem Unterrichtsbeginn begann und das man bis in die neunziger Jahre beibehielt. Durch das Läuten der kleinen Glocke sollte erreicht werden, dass trotz des Mangels an Uhren in dem Dorf und trotz der schlechten Beschaffenheit der Kirchenuhr alle Kinder pünktlich erschienen.
Das Jahr 1855 brachte dann eine Besserung für die Schülerinnen der obersten Klasse, die bis dahin die Schulräume hatten fegen müssen. Von nun an wurden damit gegen Bezahlung zwei Frauen beauftragt. Die steigende Schülerzahl verlangte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anstellung von vier Frauen, die laut Gemeinderatsbeschluss von 1903 die Schulräume täglich fegen und einmal wöchentlich feucht aufnehmen sollten. Die Ortschulbibliothek wurde 1866 gegründet. Seit 1877 hatten auch die Grötzinger Schulkinder, anfangs nur im Sommer, Turnunterricht, für den 1878 ein Turnplatz angelegt wurde, der jedoch 1902 dem neuen Schulgebäude weichen musste.
Mit Verbesserung des Schulwesens im 19. Jahrhundert wurde auch die Schülerschaft ein fester Bestandteil des kulturellen Lebens.
Bei kirchlichen Festen sang der Schulchor, ebenso bei Hochzeiten und Beerdigungen. Zum Schuljahresende erhielten alle jeweils 3 Pfennig und einen Weck, zum fünfzigjährigen Regierungsjubiläum des Großherzogs im Jahr 1902 jedes der 56 Schulkinder der letzten Klasse 10 Pfennig.
Als Konfirmanden wurden sie aus der Schule entlassen, was für die Jungen wohl das Gefühl der Freiheit und des Mannseins auslöste, das sich im Wirtshausbesuch ausdrückte. So fasste 1865 der Ortschulrat den Beschluss, dass alle Konfirmanden, die sich in Wirtshäusern an Judika [= Schulentlassungstag] betrinken, noch ein Jahr die Schule besuchen müssen. Gebrauch von diesem Beschluss wurde aber nie gemacht.
Auf die Schüler und Schülerinnen kamen gegen Ende des 19. Jahrhunderts ganz neue Herausforderungen zu. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebten die Grötzinger nämlich tiefgreifende Wandlungen ihres wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lebens. Die Industrialisierung erreichte das Dorf - nicht nur mit hier ansässigen Firmen wie das Eisenwerk Fießler oder die Waffenfabrik, genannt die Patron. Auch die nahegelegenen Städte Durlach und Karlsruhe zogen die Grötzinger Bauernsöhne und -töchter in ihre Fabriken. Nun erreichten die neuen Ideen der Sozialdemokratie das Dorf und die gegen Ende des 19. Jahrhunderts staatstreuen Lehrer sahen voller Argwohn auf das Treiben der vaterlandslosen Gesellen, die auch Einfluss auf die Jugend erhalten wollten.
Ein Beispiel:
Im August 1895 gründeten einige Männer den Turnverein Bahnfrei.
Da die Neugründer eine Anzahl junger Leute waren, unter denen sich auch Sozialdemokraten wie der spätere Dorfbürgermeister Karl Jäck befanden, lässt sich hinter der Neugründung auch ein politischer Hintergrund vermuten. Der Verein hatte 1904 163 Mitglieder, und seine Aktivitäten fanden nicht immer die Zustimmung der Behörden. Als der Verein 1912 Turnstunden für schulpflichtige Knaben einführte, beschwerte sich die örtliche Schulbehörde darüber, da Kinder abends in die Stube zu Vater und Mutter zu ihren Schulaufgaben gehörten anstatt auf den Turnplatz. Da die Lehrer versuchten, die Schüler von den Turnstunden fernzuhalten, wandten sich die betroffenen Eltern an das Bezirksamt: Das Turnen sei notwendig, da die hiesige Einwohnerschaft zum größten Teil aus Industriearbeitern besteht und somit eine regelrechte Körperpflege zur Notwendigkeit wird. Der in der Schule erteilte Turnunterricht ist aber völlig ungenügend, da er das Minimum kaum erreicht. Diese Begebenheit lässt sich durchaus interpretieren als Ausdruck eines Konfliktes zwischen einem selbstbewussten Arbeitersportverein und einer der Sozialdemokratie misstrauisch gegenüberstehenden Lehrerschaft, die eine Beeinflussung der Schüler befürchtete.
Doch trotz aller politischen Veränderungen und Erschütterungen zeichnete sich das dörfliche Leben in den ersten Jahren nach Kriegsende durch Kontinuität aus. Die vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen eines Industriearbeiterdorfes blieben in der Weimarer Zeit wirksam. Die Bevölkerung lebte weiterhin zu 80 % von der im Dorf und in den nahegelegenen Städten Durlach und Karlsruhe angesiedelten Industrie, wobei die Landwirtschaft immer noch eine große Rolle im Alltag spielte. Erntezeiten wirkten sich aus auf Schulleben und Gemeindebehörden, auf Straßenbild und Arbeitstag. In Zeiten der Heuernte waren z.B. Bürgerausschusssitzungen schlecht besucht, und die Jungen gingen nicht in die Schule, sondern ins Heu. Im August 1920, also während der Heuernte, schrieb ein Dekorationsmaler an den Herrn Lehrer, dass er heute seinen Sohn zu Hause behalte, denn er benötige ihn, da seine Frau weg sei und er im Felde keinen Bescheid wisse. Auch die Auseinandersetzungen über die Strafen für mangelnden Schulbesuch verdeutlichen, dass innerhalb der landwirtschaftlichen Bereiche des Dorfes die Kinderarbeit notwendig bzw. die Nebenerwerbslandwirtschaft die Grundlage für den Teil des Familieneinkommens blieb, der von Frau und Kindern erwirtschaftet wurde.
So wehrten sich die Lehrer 1910 dagegen, dass die Strafe für das Wegbleiben vom Unterricht nicht mehr in Geld bezahlt und der Betrag gesenkt werden sollte, da in Sommermonaten die Kinder nur in die Schule geschickt würden, wenn die Geldstrafen höher lägen als der mögliche Verdienst, den die Kinderarbeit bringt. Daraufhin waren Geldstrafen für Schulversäumnisse bis in die dreißiger Jahre üblich. Im Dorf setzte man sich nun auch für eine allgemeine Volksbildung ein: Im Dezember 1919 wurde eine Volksbibliothek ins Leben gerufen. Bibliothekar wurde Hauptlehrer Reinhard, die Bücherausgabe sollte unentgeltlich erfolgen. Damit war die Grundlage gelegt für das Bibliothekswesen des Dorfes, das als Stadtteil auch heute noch eine Zweigstelle der Stadtbibliothek in der Heinrich-Dietrich-Schule beheimatet.
In der Zeit des Nationalsozialismus drangen die Ideen der neuen Machthaber in die Schulräume - und das auch in der Gestaltung: Der Kunstmaler August Rumm schenkte der Gemeinde ein Hindenburg-Bild. Am 9. Juni 1933 beschloss der Gemeinderat, für die drei oberen Schulklassen der Volksschule jeweils ein Hitler- und ein Hindenburgfoto anzuschaffen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren nicht nur alle Lehrinhalte obsolet geworden, auch die räumliche Situation der Schulen war zunächst desolat. Das Dorf musste Hunderte von Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien aufnehmen, bis Januar 1948 waren es 200 Familien. Als die Einweisung in Privatwohnungen nicht mehr möglich war, wurden Familien im Schloss, im Turnerheim und in der Schule untergebracht. Manchmal lebten zwei Vertriebenenfamilien in einem Zimmer, drei bis vier Familien teilten sich einen Raum, in dem ein Herd aufgestellt wurde und der als Küche fungierte.
Die Schüler und Schülerinnen drängten sich auf engstem Raum. Schon bei dem Luftangriff am 24./25. April 1944 war die Schule in der Schulstraße [Schustergasse] zerstört worden, so dass nur noch das Schulhaus in der Kirchstraße blieb, in dem drangvolle Enge herrschte. Da nun auch noch Vertriebene hier leben mussten, die nur nach und nach in anderen Räumen unterkamen, konnte erst Ende 1947 der Unterricht in vollem Umfang wieder aufgenommen werden. Zudem war eine auffallende Disziplinlosigkeit der Schüler zu beklagen. So beschloss der Gemeinderat am 20. April 1948 das Volksschulrektorat davon zu benachrichtigen, dass er enttäuscht sei über die Verrohung der Jugend, die der Ruhestätte ihrer Vorfahren [= alter Friedhof] so wenig Pietät [entgegenbringe]. Die Lehrerschaft möge sich ernstlich bemühen, in entsprechender Weise auf die Jugend einzuwirken.
Die allgemeine Situation bereitete so große Schwierigkeiten, dass Gemeinderat, Schulleitung und die beiden Pfarrer am 20. April 1949 zusammenkamen, um einen geplanten Elternabend vorzubereiten. Bei den Beratungen wurde nicht nur die räumliche Enge beklagt, die dazu führte, dass die Kinder zweimal am Tag zur Schule gehen mussten und im Winter häufig erst bei Dunkelheit nach Hause kamen. Zur Sprache kam auch die Respektlosigkeit der Schüler und die Sorge, die durch das Dritte Reich hinterlassenen Schäden könnten größer als vermutet sein. Das Hauptaugenmerk müsse - wie der katholische Pfarrer Emil Gindele ausführte - auf gute Literatur gelegt werden und alle Schundliteratur müsse verschwinden. Der junge Mensch, der noch nicht allein stehen kann, müsse geführt werden und auch dann, wenn man auf dem Standpunkt stehe, nicht zu prügeln, könne der Stock doch nicht ganz entbehrt werden. Am 13. September 1949 wurde die Disziplinlosigkeit der Schüler den Lehrern gegen nochmals anlässlich einer Aussprache zwischen Gemeinderat und Lehrerschaft aufgegriffen.
Weiterhin gab es Schichtunterricht, bis sich der Gemeinderat nach langen Beratungen entschloss, einen Neubau zu errichten. Im Mai 1957 wurde auf dem Areal des alten Friedhofs, der 1948 umgelegt worden war, d.h. an der Staigstraße zwischen dem Pfarrhaus und der Kampmannstraße, ein mit einem Aufwand von 1,2 Millionen DM gebautes dreigeschossiges Schulhaus eingeweiht, das nach Plänen des Ortsbaumeisters Rudolf Mehrländer und unter seiner Bauleitung errichtet worden war. Da in den 1960er Jahren die Bevölkerung und damit die Schülerzahl weiter wuchs, waren bald schon Erweiterungsbauten notwendig. Am 23. März 1972 konnte die neue Grundschule Nord eingeweiht werden. Im Jahr 1975 wurde die Heinrich-Dietrich-Schule um einen modernen, hellen Anbau erweitert, der gut ausgestattete Räume für den Fachunterricht birgt und in dem auch die Zweigstelle der Stadtbibliothek untergebracht ist. Einige Jahre vorher waren die Möglichkeiten für den Sportunterricht ausgebaut worden. Im Jahr 1972 entstand die Turnhalle, die quer zur Schlossschule steht. Die Schwimmhalle, die vormittags für den schulischen Sportunterricht genutzt wird und nachmittags der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, wurde 1974 eröffnet.
Nun bin ich fast in der Gegenwart angelangt, die für ein badisches Schulmuseum Raum geschaffen hat. Ich denke, schon allein der Blick auf die Geschichte des Dorfes Grötzingen, in dem sich die Geschichte Badens spiegelt, ist Bestätigung genug für die Sinnhaftigkeit eines Schulmuseums.

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