Das Schulmuseum sucht dringend neue Räumlichkeiten
Vergangene Schulzeiten wieder aufleben lassen? Ein nicht unbedingt wünschenswerter Zustand! Denn, was der vor 120 Jahren in Grötzingen geborene Wilhelm Kumm aus seinem Klassenzimmer im Schatten des gedrehten Kirchturms berichtet (Heimatbrief 2010), ist zwar mit Vergnügen nachzulesen, doch die Vorstellung von markerschütterndem Kreischen der Griffel auf Schiefertafeln, dem Schmerz nach verabreichten Tatzen und Hieben oder der autoritären Unterrichtsgestaltung ohne Rücksicht auf jugendlichen Gerechtigkeitssinn gebiert keinerlei Sehnsüchte auf die Rückkehr früherer Bildungsanstalten. Ganz anders allerdings verhält es sich da mit dem historischen Klassenzimmer des badischen Schulmuseums an der Grötzinger GHS. Es wird ein schmerzlicher Verlust sein, wenn es demnächst verschwindet, weil der Hort an der Schule die Räumlichkeiten benötigt. Aber, „die Kinder gehen selbstverständlich vor", sagt Günter Utzni vom Museum.

schulmuseum

Im November 2002 eröffnete das Badische Schulmuseum sein neues Domizil in Grötzingen, nachdem bereits in einem 1989 gegründeten Verein „Schulmuseum Karlsruhe“ erste Sammel-Aktivitäten für ein künftiges Schulmuseum in Karlsruhe begonnen hatten. Im historischen Schulgebäude der Tulla Grund- und Hauptschule wurde eine ständig wachsende Sammlung angelegt, deren räumliche Ausstattung allerdings auf ein Klassenzimmer, den Vorraum im Flur und Kellerräume zur Lagerung beschränkt blieb. Aber im Herbst 2000 musste dort alles ausgeräumt und abtransportiert werden: Raumbedarf! Danach ergab sich in der Landesbildstelle (heute: Landesmedienzentrum) eine neue Unterkunft. Dieser und dem Ziel, dort baldmöglichst ein schul- und mediengeschichtliches Museum einzurichten, war kein langes Leben beschieden. Daher sagte Ingo Springmann bei der Eröffnung in Grötzingen: „Es erfüllt uns mit großer Freude, nach einer Zeit des Suchens den Schwebezustand hinter uns zu lassen und neue Perspektiven zu erhalten!“ Nun ist der Schwebezustand zurück und das Suchen beginnt von neuem.
Unterricht von früher im historischen Klassenzimmer erleben, Schulgeschichte(n) kennen lernen und recherchieren, Schreibübungen mit Griffel und Schiefertafel und in Sütterlin, Schulstrafen, alte Zeugnisse, Schulbücher, Wandbilder und -Karten veranschaulichen zur Zeit noch die Zustände in der Penne von gestern. Besonders beeindruckend und ungeheuer beliebt gestalten sich für Groß und Klein die historischen Schulstunden beim strengen, „anständig“ bekleideten „Fräulein“ Carla Dreßen. Hochgeschlossen, lang berockt und mit einem Rohrstock bewehrt unterrichtet sie auf Voranmeldung wie vor hundert Jahren, kontrolliert die Fingernägel und stellt klar: „Hier rede nur ich!“ Ihren modernen Schülern gefriert dabei das Schwätzen und die Widerrede bereits in der Gurgel, denn sie nennt ohne Federlesens die drakonischen Schulstrafen vergangener Epochen.

Etwa 3500 Besucher zählte das Klassenzimmer im vergangenen Jahr und es ist bis zum Sommer weiterhin nahezu ausgebucht. Im vergangenen September war das Schulmuseum Gast beim Museumsfest auf dem Hofgut Maxau und zeigte dort erstmalig sein 50er-Jahre-Klassenzimmer, welches weiterhin zu den Öffnungszeiten des Museums zugänglich ist. Ende 2009 eröffnete in der Karlsruher Post Galerie das Café „SchulWelten" . Es zeigte eine Auswahl aus der schulgeschichtlichen Sammlung und bot zusätzlich eine Kleinbühne. Das Café musste schließen, da es einen neuen Mieter für die Räumlichkeiten gab, ein kleineres Domizil in der Galerie besteht aber weiterhin. „Diese Außenstelle wäre aber nur eine Nothilfe, für das historische Klassenzimmer und den Unterricht. Die Räumlichkeiten sind einfach zu klein, selbst die bisherigen platzten schon aus allen Nähten und wertvolle Exponate müssen gebührend untergebracht sein“, sagt Günter Utzni vom Vorstand des Museumsvereins. Dringend wird daher wieder nach entsprechenden Räumen gesucht, um Schulspardose, Poesiealbum, das Programm einer Schulfeier, Arrestzettel und Co. zu erhalten und auszustellen. Kuriosa wie ein zwei Meter langer Spickzettel oder ein Bleistift mit dem „Horst-Wessel-Lied", zahlreiches Lehrmaterial und in­teressante Dokumente suchen dringend nach einem neuen Domizil unter der Telefonnummer 0172 - 734 36 99 oder unter der E-mail: guenter.utzni@gmx.de. StS

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus "Das Pfinztal", im Februar 2011

 

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