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Schule in Grötzingen vor 85 Jahren
Rohrstock und das Kratzen des Griffels
Dreißig Jahre nach ihrem Vater drückte Wilhelm Kumms Tochter Charlotte die Schulbank im Malerdorf. Lotte Ebendt ist vielen Grötzingern als Gemeinde- und Ortschaftsrätin, stellvertretende Bürgermeisterin und Ortsvorsteherin noch in guter Erinnerung. Zum sechzigsten Geburtstag ihres Schuljahrgangs 1919/20 fasste sie 1979 viel Nachdenkliches in Worte: „Wäre der schreckliche Krieg nicht gekommen, könnten wir heute weitaus mehr Ehemalige begrüßen!" Ihre Schulzeit war ihr in lebhafter Erinnerung geblieben.
An Ostern 1926 zog Lotte Kumm mit weiteren 77 Buben und Mädchen in die Volksschule an der Kirchstraße, sicherlich genau so aufgeregt, wie die kleinen ABC-Schützen von heute. Allerdings ohne Schultüten mit Geschenken und Leckereien, und die „Schulranzen sahen wesentlich trister aus, als heute, von denen bekam man gewiss keine Haltungsschäden". Im Ranzen lagen ein hölzerner Griffelkasten mit Federhalter, Feder, Bleistift und Griffel, sowie eine Schiefertafel, an der an einer Schnur ein kleiner Schwamm befestigt war, der aus dem Tornister herausbaumelte. |
| Auf dem Weg zur Schule wurde das Schwämmchen am Pfinzüberlauf bei der „Muttere" noch geschwind nass gemacht.
Der Lehrer war für die Erstklässler „ein Halbgott", eine Respektsperson, wie auch der Rektor, der Pfarrer und der Doktor. In den beiden Klassenzimmern thronten die Herren Matschinski und Ebel auf einem Podest an einem Pult über ihren Schülern, diese wiederum saßen auf alten, ramponierten Schülerbänken, vor einem Tintenfass und einer Ablage für Federhalter und Bleistift in der Tischplatte. Es gab noch einen Kanonenofen und einen alten, zweitürigen Schrank. In dem lagen unter Verschluss: sehr spärliche Lehrmittel, das Klassenbuch zum Eintragen der Missetaten und der übliche Rohrstock. Zahllose Schülergenerationen haben sein Niedersausen oder ein Ziehen am Ohrläppchen alleine Gott geklagt, denn eine Beschwerde bei den Eltern hätte seinerzeit möglicherweise weitere schmerzhafte Folgen nach sich gezogen! Peinigend empfand die kleine Lotte auch die ersten Schreibübungen: „Ich höre noch heute das Kratzen des Griffels auf der Tafel beim Üben der Auf- und Abstriche und es geht mir noch immer durch Mark und Bein!"
Modebewusstsein und Hygiene vernachlässigte der Bildungsbereich der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. „Die Buben in knielangen Hosen sahen lustig aus und die meisten Mädchen trugen Zöpfe und eine Kittelschürze. Ich kann mich noch an Ärmelschoner erinnern, über die ich immer recht wütend war", wundert sich Lotte Ebendt fünf Jahrzehnte danach und anderes schaudert sie regelrecht: "Die Toilettenanlagen im Schulhof würden wohl heute vom Gesundheitsamt unweigerlich geschlossen werden. Vor allem die Mädchen rasten lieber nach Schulschluss im Höllentempo nach Hause, als dass sie sich in diese Kabäuschen begeben hätten!"
Auf dem Schulhof flanierten Mädchen und Buben in den großen Pausen schön gesittet und nach Geschlechtern getrennt im Kreis über den Schulhof, bis das Klingelzeichen ertönte. Wehe, wenn mal eines der Kinder quer über den Schulhof rannte! Eine Ohrfeige oder zumindest Schelte war dann fällig.
„Die Ganzheitsmethode oder die Mengenlehre belasteten uns nicht, wir wurden nicht mit englischen Vokabeln geplagt und brauchten keinen Verkehrsunterricht", blickt die Ortschaftsrätin zufrieden zurück. Sie bedauert aber auch: „Es fehlte fast ganz an Sportstunden und statt Schwimmunterricht in einer wunderbaren Halle direkt neben dem Schulgebäude, machten wir unsere ersten Schwimmversuche in der ,Pfann' bei Dr. Saur oder am ,Entenstein' oder ,Zwetschgenloch' bei der Edelmänne." Fehlende Badeanzüge? Kein Thema! Schließlich gab es Kittelschürzen zum Schlupfen und die wurden einfach unten mit einer Sicherheitsnadel zusammengesteckt...
Und Aufenthalte im Schullandheim? Dem Grötzinger Jugendtourismus waren Grenzen gesetzt, und die waren in etwa bei Jöhlingen gesteckt. Eine Herbstwanderung nach dort förderte das soziale Lernen außerhalb des Unterrichts und gemeinschaftliches Erkennen pädagogischer Inhalte und logischer Folgen beinahe so gut wie heute eine zehntägige Klassenfahrt: „Im Gras lagen die ersten reifen Äpfel und Birnen. Gegen das Verbot von Herrn Schmidt hoben wir das Obst auf und aßen davon. Am nächsten Tag traten wir in Reih' und Glied an, und jeder fühlte auf seiner Hand eine ,Tatze' mit dem Rohrstock".
Am Ende der vierten Klasse wechselten nur zwei Mädchen und vier Buben aufs Gymnasium oder die „ Mittelschule ", der größte Teil der Schüler blieb bis zur Schulentlassung zusammen. Da entwickelten sich lebenslange Freundschaften und so manche Eheschließung war auf diesen Lebensabschnitt zurück zu führen.
Nach acht Schuljahren konfirmierte Pfarrer Herbert Fuchs 33 Buben und ebenso viele Mädchen, sechs Mädchen und fünf Buben gehörten dem katholischen Glauben an. Dann ging es „hinaus ins Leben". Viele Buben durften einen Beruf erlernen, für die meisten Mädels hieß es aber: "Ihr heiratet ja sowieso." Zurück blickend konnte Lotte Ebendt feststellen, dass es kaum Studierte gab: „Was die Mehrzahl im Laufe der Jahrzehnte wurde, haben sie sich durch eigene Initiative, Lehrgänge und Prüfungen selbst angeeignet. Wenn ich so um mich schaue, sehe ich, dass wir alle zufrieden sein können!"
Wäre da nicht dieser schreckliche Krieg gewesen... StS
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus "Das Pfinztal" |