schlossschule
Schule in Grötzingen vor 110 Jahren
Besenfuß und Schneegans beim Lehrer Ittler

„Freud' und Leid liegen nahe beieinander" ist eine Binsenweisheit, deren Wahrheitsgehalt sich fast überall und über viele Generationen hinweg bis heute ganz besonders an einem Ort darstellt: in der Schule. Da machte - und macht noch immer - die Grötzinger Bildungseinrichtung keine Ausnahme. Doch Sitten und Gebräuche an und um Lehranstalten sind dem Wandel der Zeit unterworfen. Was heutzutage den Schülern Türen ins Leben öffnet, dem Rektor Sorgen bereitet oder den Ortschaftsrat zu Sitzungen nötigt, war vor hundert oder achtzig Jahren Lehrern und Schülern absolut fremd. Keine Spur gab es damals von Elternbeiräten oder sogar landesweiten Berichten wegen deren Rückzug aus Protest gegen das Ministerium! Das wäre für unsere Großeltern und Urgroßeltern völlig unvorstellbar gewesen. Und wir im Heute blicken erstaunt auf die Schule vergangener Zeiten, von der uns Wilhelm Kumm und Charlotte Ebendt Berichte hinterlassen haben.

Wilhelm Kumm wurde 1906 konfirmiert, und „bald darauf verließen wir die Schule, um ins Leben zu treten". Damals lehrte hier der Lehrer Ittler. Dieser hatte anscheinend noch die zeitgemäße Einstellung zur Bildungsfähigkeit des weiblichen Geschlechts, welche er mit den Buben durchaus teilte: „Für unsere Mädchen waren Geografie und Geometrie die Fächer, in denen sie meistens versagten" erinnert sich Kumm anlässlich der goldenen Konfirmation des Schuljahrganges 1891/92. Ganz nach der Parole „kurze Haare, kurzer Verstand - lange Zöpfe, gar kein Verstand" erfreute es die Knaben, wie eine Klassenkameradin den Ort Peking auf der Landkarte zeigen sollte und nicht konnte: „Mit dem Stock in der Hand lief sie hin und her, zwischen Europa und Amerika und wusste nicht, wo zu landen". Und als der Lehrer rief: „Guckt euch die Schneegans an, die rennt mit der Stang' im Nebel rum", da war's auch schon geschehen, denn das Mädchen zeigte auf: Worms!
Ittler erzählte auch aus der Bibel. Dem frommen Hiob brachten Boten ständig neue, erschreckende Meldungen: Seine Herden wurden ihm gestohlen, sein Sohn fiel im Kampf und noch viel weiteres Unglück widerfuhr dem frommen Mann. „Wie war wohl Hiob und seiner Familie zu Mute?" fragte der Lehrer. Ratloses Herumgucken beim Aufgerufenen. Ein vermeintlicher Witzbold sagte vor. Doch kaum hatte der arme Gefragte die hinterlistige Einflüsterung „...und sie lachten?" gedankenlos nachgeplappert, da sauste schon der gerechte Haselstock Ittlers auf den Vorsager nieder: „Die werden noch gelacht haben, bei dem Unglück, das sie traf, du Rindvieh!"
Die Ziffern für Benotungen wichen von den heutigen ab. Schlechteste und gar keine Leistungen erfuhren das Prädikat „Null" im Zeugnis. Als einer mal mit dem Rechnen nicht klar kam, stöhnte er: „Acht von vier kann ich nicht, da hänge ich eine Nulle dran!" „Häng nur eine an", drohte Ittler, „dann häng' ich dir auch eine an."
Einmal packte ein mit Stockschlägen gedemütigter Schüler seinen gesamten Krempel und verließ den vom Lehrer so unwirtlich gemachten Raum im Schulhaus ohne Erlaubnis. „Ich hol dich nicht zurück!", schrie ihm Ittler hinterher. Da öffnete sich nochmals die Tür des Klassenzimmers, ein Kopf zeigte sich im Türrahmen und der Renitente rief hinein: „Ich hol' dich auch nicht!" und war damit verschwunden.
Mit ihren genagelten Schuhen seien sie auf seinem Dohl einher gesprungen, beschwerte sich eines Tages der Bahnwart vom Bärenübergang und forderte Bestrafung. Der Schüler Kumm lachte, als sein Lehrer zum Appell gerade vor ihm stehen blieb und das Bärtchen strich, denn schließlich war er ja bei der angezeigten Missetat nicht dabei gewesen! Das überlegene Grinsen war ein folgenreicher Fehler, denn:„Schon schlug Ittler auf mich ein, weil ihm mein Lachen nicht gefiel!" Die Zeugen der Züchtigung verlangten empört und lautstark Rehabilitation: „De Kumm isch net debei gweh, der war krank!" Ohne Erfolg, denn der Gestrenge blieb bei seiner absolutistischen Rechtssprechung: „Des macht nix! Wär' er nämlich nicht krank gewesen, dann wär' er bestimmt dabei gewesen!"
Einmal brachte ein Klassenkamerad einen Entschuldigungszettel, den sein Vater verfasst hatte. Der Ittler las ihn und überraschte danach seine Schüler sehr, denn er tat Ungewöhnliches: Er lachte! „Zeig mir mal den Besenfuß!", forderte Ittler. Die Rechtschreibung war um 1900 sicher nicht das Ding der braven Grötzinger, die hatten in jenen Zeiten gewiss ganz andere Sorgen. So stand also auf dem Zettel geschrieben: „Mein Sohn konnte gestern nicht zur Schule kommen, er hatte einen Besenfuß." StS

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus "Das Pfinztal"

 

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